Es braucht einen Kuss

Interview in der Fränkischen Nacht: Gregor Linz über Ziele und Anliegen des neuen Bürgervereins Untere Historische Bergstadt

Bürgerverein engagiert sich für die „Untere Historische Bergstadt“

Das folgende Interview erschien in der Fränkischen Nacht (Ausgabe Dezember 2022, Seite 6-7) und stellt die Ziele und Hintergründe des Bürgervereins Untere Historische Bergstadt vor. Wir veröffentlichen den Beitrag hier in voller Länge zur Information unserer Mitglieder und der interessierten Öffentlichkeit – mit freundlichem Verweis auf die Originalquelle: https://www.fn-magazin.de/online-lesen/dezember-2022/

Treffen sich drei Deutsche, so gründen sie einen Verein. Der belächelte Spruch stimmt zwar rechtlich nicht – ein Verein braucht sieben Mitglieder, um ins Amtsregister eingetragen zu werden, doch tatsächlich ist die Bundesrepublik mit rund 615 000 Vereinen das Land der „Vereinsmeierei“. Ob Sport, Kultur, Politik, Geschichte oder Gesundheit – Bürger:innen investieren viel Kraft, Zeit und Herzblut, um sich für ihre Anliegen mit viel Leidenschaft zu engagieren. Zu den jüngeren Vereinen in Bamberg gehört der „Bürgerverein Untere Historische Bergstadt“, der dieses Areal wie der Prinz sein Dornröschen wachküssen will. Die FN ließ sich den Kuss von Gregor Linz, 1. Vorstand des Vereins, erklären.

„Wenn sich drei Deutsche treffen, gründen sie einen Verein!“ Wie viel Wahrheit steckt für Sie in diesem Witz?

Gregor Linz: Bei uns ging die Vereinsgründung nicht so schnell wie in dem Witz. Wir haben uns mehr Zeit genommen, fast zwei Jahre. Wir haben die Vereinsgründung reiflich überlegt und diskutiert. Und wir waren mehr als drei.

Bamberg hat viele schöne Ecken. Was macht den Reiz Untere Bergstadt aus?

Unser Gebiet, die „Untere Historische Bergstadt“, ist Teil des Weltkulturerbes. Wir sind mitten in diesem Zentrum. Der fast märchenhafte Reiz dieses Gebietes ist, dass es sich quasi noch in einem Dornröschenschlaf befindet. Es braucht den Anschub, oder bleiben wir beim Märchen, es braucht den Kuss, dass sich seine wahre Schönheit entwickelt und die Potentiale herausgekitzelt werden. Und dafür wollen wir als Verein eintreten.

Warum braucht es einen Bürgerverein Untere Historische Bergstadt? Schließlich gibt es doch schon mehrere Bürgervereine.

Neben dem Wachküssen der Prinzessin geht es verstärkt darum, sich in einer wachsenden Stadt gerade um die kleineren Einheiten zu kümmern. Aufgabe ist es, mit den hier wohnenden Einwohner:innen etwas gemeinsam voranzubringen. Wir müssen die Kleinteiligkeit sichtbar machen und unterstützen. Kleinere Einheiten bedeuten auch größere Chancen, Bamberg in seiner Vielfalt zu zeigen und zu erleben. Bamberg hat jede Menge Qualitäten – in Baustilen, Denkmalpflege, Geschichte, Kunst, Kultur, Wohnen, die für ein urbanes Leben wichtig sind.

Wer hat den Verein aus der Taufe gehoben?

Daran waren vor allem die Bürger:innen aus dem Sutte- und Matern­bereich beteiligt. Hier gibt es eine gewachsene Nachbarschaft, hier kennt und hilft man sich. Hier packt man gemeinsam an. Inzwischen haben wir rund 100 Mitglieder.

Welche Ziele hat sich der Verein gesetzt?

Als neuer Verein haben wir die Chance, uns so zu gliedern, wie wir möchten. Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die verschiedene Schwerpunkte behandeln. Arbeitsgruppen gibt es zu sozialem Miteinander, Quartiersgestaltung, Kultur, Denkmalpflege und Mobilität. Da wir noch ein junger Verein sind, haben wir natürlich auch die Möglichkeit, die Schwerpunkte auszuweiten. Im Moment gibt es Überlegungen, im Teufelsgraben eine Führung zu machen und sich die dortige Fauna anzuschauen. Wir nehmen das, was aus der Bürgerschaft kommt, auf und versuchen die Ideen und Anregungen zu integrieren.

Was verstehen sie unter dem Stichwort Mobilität?

Überaus wichtig ist natürlich, in der Altstadt zu schauen, wie sich die einzelnen Verkehrsteilnehmer:innen begegnen. Wie ist der Umgang von Fahrrad, Fußgänger und Auto miteinander? Welche Rücksicht nimmt man? Wo sind Gefahrenstellen und wie kann man sie entschärfen? Wir haben am Torschuster eine Gefahrenstelle, an der Schulkinder täglich durch eine Engstelle im Verkehr gehen müssen. Das sind alles Punkte, die im Diskurs stehen und beantwortet werden müssen.

STADT-GESCHEHEN

Ist die städtische Politik Partnerin oder Gegnerin?

Die städtische Politik ist unsere Partnerin. Wir verstehen uns als Vermittler zwischen der Bürgerschaft und der kommunalen Politik. Wir suchen den Kontakt zur Politik. Wir sprechen und schreiben sie mit unseren Themen an. Wir werden auch gerne von ihr gefragt. Und als Bürgerverein ist es uns bewusst, dass städtische Politik ja auch von Bürger:innen gemacht wird. Die Verwaltung, die Parteien und die Ratsmitglieder:innen sind Bürger:innen wie wir. Wir wollen mitreden, wir mischen uns ein, wir sind manchmal auch streitbar – aber es geht immer um einen konstruktiven Dialog.

Versteht sich der Verein als eine Art außerparlamentarische Opposition?

Wir arbeiten parteiübergreifend. Wir fühlen uns nicht als Opposition, sondern wollen Gestalter für unser Viertel sein. Wir sind vor Ort die Spezialisten, denn uns liegt die Untere Bergstadt am Nächsten.

Gibt es Zusammenarbeit mit anderen Bamberger Vereinen?

Es ist geplant, sich mit anderen Bamberger Vereinen zu vernetzen. Bei der Anlage unserer Hochbeete haben wir bereits mit Transition Bamberg zusammengearbeitet. Und mit der Schutzgemeinschaft Alt Bamberg gibt es hinsichtlich unseres kritischen Blickes auf den geplanten Ausbau der Sutte gemeinsame Positionen. Denn wir sind der Meinung, dass man so mit der Altstadt nicht umgehen darf.

Den Verein gibt es seit Ende 2021. Was wurde bisher erreicht und durchgeführt?

Wir sind natürlich noch im Aufbau und wir strukturieren uns gerade. Mit einem Flohmarkt, unserem Bergstadt Basar, konnten wir erstaunlich viele Menschen anlocken: 30 Stände und über 500 Besucher:innen – das war für das erste Mal wirklich ordentlich. Dieser tolle Erfolg ruft nach einer Wiederholung. Wir haben uns auch hinsichtlich der Verkehrssituation eingebracht. Und auch die Hochbeet-Aktion ist gut angenommen.

Was brennt dem Verein aktuell auf den Nägeln?

Der Autoverkehr hier im Gebiet ist das Dauerthema. Er ist zu viel und zu schnell.

Ein Verein hat Mitglieder unterschiedlichster Art mit zum Teil auch unterschiedlichen Meinungen. Wie werden da die Schwerpunkte gesetzt?

In den Gruppen wird diskutiert. Es gibt jeden ersten Dienstag im Monat einen Stammtisch im „Einhornkeller“, wo jeder und jede gerne dazukommen können. Wir versuchen möglichst alle Mitglieder mitzunehmen, um so auch unsere Positionen im Dialog mit der Politik zu untermauern. Wir möchten natürlich ein großes Spektrum abdecken. Ich trage als Vorsitzender auch nichts in die Öffentlichkeit, wofür ich keinen Rückhalt im Verein habe. Unsere Haltung zum Verkehr in der Sutte und in der Maternstraße zum Beispiel haben wir in einer Vollversammlung abgestimmt.

Was plant der Verein für die Adventszeit?

Wir planen 24 unterschiedliche Adventsfenster. Für jeden Tag im Advent gestaltet jemand im Viertel sein Fenster ganz individuell. Wir werden unser Fenster mit transparenten Sternen, die von hinten beleuchtet werden, dekorieren. Am 18.12., dem vierten Advent, öffnen wir ab 16 Uhr gemeinsam mit dem Einhornskeller im Biergarten die Pforten zum Punschanstich. Hier kann jede/r sein Licht mitbringen für ein stimmungsvolles Gesamtbild.

Welche Überschrift würden Sie sich nach einer längeren Vereins­tätigkeit wünschen?

Bürgerverein küsst Bergstadt wach! Oder: Bürgerverein erweckt Dornröschen!

Interview: Thomas Pregl, Fränkische Nacht, Ausgabe 12/2022

Die Magazin-Doppelseite der Fränkischen Nacht (Dezember 2022) dokumentiert das Interview mit Gregor Linz zum neuen Bürgerverein Untere Historische Bergstadt e. V.