50 Jahre später – und noch immer kein sicherer Weg

Schulweg im Zick-Zack-Kurs durch die Sutte.
(Bildeffekt zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte des abgebildeten Schülers)

Eigentlich gehört die Straße im verkehrsberuhigten Bereich allen. In der Sutte jedoch dominieren parkende Autos den Raum. Fußgänger müssen deshalb häufig ausweichen, oft in Situationen, die gefährlich werden können. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen und alle, die auf barrierefreie Wege angewiesen sind. Die Probleme sind nicht neu, sie begleiten unsere Straße seit Generationen. Eigentlich sollten wir heute weiter sein.

Ich schippe Schnee. Eigentlich kann man den schmalen Streifen, den ich gerade vor meiner Haustür vom Schnee befreie, nicht wirklich als Gehweg bezeichnen. Denn zwischen meiner Hauswand und den parkenden Autos ist es an manchen Stellen so eng, dass man als Fußgänger kaum noch hindurchkommt. So schmal, dass ich aufpassen muss, mit meiner Schneeschaufel den Lack der eng parkenden Autos nicht zu zerkratzen.

Derweil rauscht der Autoverkehr an mir vorbei. Unsere Straße, die Sutte, ist eine verkehrsberuhigte Zone. Das heißt, es muss Schrittgeschwindigkeit gefahren werden und Fußgänger sollten jederzeit die Straße gefahrlos betreten können, denn in einem verkehrsberuhigten Bereich gehört die gesamte Straßenfläche allen Verkehrsteilnehmern gleichermaßen. Eine klare Trennung zwischen Gehweg und Fahrbahn ist hier eigentlich nicht vorgesehen. Auch das Parken ist nur in gekennzeichneten Flächen erlaubt. Allerdings ist das den meisten Autofahrern nicht klar oder auf gut fränkisch „wurscht“. Sie fahren viel zu schnell und die zum Parken für Autos gekennzeichneten Flächen werden maximal als Empfehlung wahrgenommen (siehe auch Infokasten am Ende des Textes).

Rechts im Bild: Das Ergebnis meines morgendlichen Fitnesstrainings.

Schon damals kein sicherer Weg

Ich selbst bin als Kind Mitte der 70iger Jahre in die Sutte gezogen. Damals gingen wir noch ohne elterliche Begleitung in der Nachbarschaft zum Spielen oder zur Schule. Ich weiß, dass meine Mutter Angst hatte, wenn ich als Kind allein die Straße überquerte. Ihre Bedenken waren berechtigt. Damals war die Sutte noch nicht verkehrsberuhigt, sondern nur eine Einbahnstraße, obgleich natürlich genauso eng und unübersichtlich wie heute. Man durfte also schneller fahren, allerdings war das Verkehrsaufkommen insgesamt geringer. Oft kam ich mir auf meinem Weg zur Domschule vor wie ein Hase – vorsichtig um die Ecke linsend und um die Autos Haken schlagend…

„Eigentlich sollten wir heute im Jahr 2026 doch weiter sein, oder?“ denke ich mir, während ich auf den Griff meiner Schneeschaufel stütze und kurz vom Schippen verschnaufe.

Sind wir leider nicht.

Die gleichen Sorgen, eine neue Generation

Die Sorgen meiner Mutter, dass mir im Verkehrsgeschehen der Sutte etwas zustoßen könnte, mache ich mir heute, ein halbes Jahrhundert später um mein Enkelkind.  Es ist zweieinhalb Jahre alt und mitten in der Autonomiephase. „Selber machen“ ist jetzt wichtig. Dazu gehört auch der Weg zum nahen Spielplatz im Domgrund, den es mit dem Laufrad möglichst eigenständig bewältigen möchte. Darauf ist es stolz.

Eigentlich ist der Weg zum Spielplatz kurz und führt ausschließlich durch verkehrsberuhigte Bereiche sowie Fuß- und Radwege. Und eigentlich sollte das kein Problem sein.

Eigentlich.

Denn tatsächlich müssen wir sowohl die Sutte als auch die Maternstraße queren, uns dort auf schmalem Raum zwischen parkenden Autos und Hausmauern oder Vorgartenhecken durchschlängeln. Es kommt vor, dass ganze Konvois von Autos an uns vorbeifahren, bevor ein Queren möglich ist. Werden wir zwischen den parkenden Fahrzeugen überhaupt wahrgenommen, wird dennoch nur selten angehalten.

Unterwegs in der Sutte. Man muss kein Verkehrsexperte sein, um zu erkennen, dass hier ein Ausweichen in die Mitte unumgängliche ist.

Gefährdet sind viele

Insbesondere für Kinder ist diese Situation riskant. Sie können an parkenden Fahrzeugen kaum vorbeisehen und werden aus Autos heraus aufgrund ihrer geringeren Körpergröße schlechter wahrgenommen. Verschärft wird die Lage durch die in den vergangenen Jahren deutlich gewachsenen Dimensionen der Fahrzeuge.

Zwischen Regelwerk und Alltag

Viele, die diese Straßen als innerstädtische Abkürzung nutzen, scheinen das nicht zu berücksichtigen. Fahre ich selbst in der Sutte mit etwa 10 km/h – bereits an der oberen Grenze der Schrittgeschwindigkeit –, werde ich regelmäßig von hinten bedrängt. Und als ich neulich noch beim Anschnallen meines Enkels im Kindersitz meines links parkenden Autos war und dabei vor der offenen Schiebetür mit dem Rücken zur „Fahrbahn“ stand, wäre mir beinahe der Allerwerteste abgefahren worden.

Ohne Schnee noch beliebter: Die alltägliche Fahrzeugkolonne zieht durch die verkehrsberuhigte Sutte in Bamberg.

Ein konsequenter Schritt

Aus meiner Sicht bleibt daher nur eine konsequente Maßnahme: die Unterbindung des Durchgangsverkehrs, der in einer verkehrsberuhigten Straße fehl am Platz ist. Auch der bereits 2022 beschlossene Verkehrsentwicklungsplan 2030 empfiehlt eine Abbindung von Sutte und Matern unterhalb des Torschusters.

Über fünf Jahrzehnte sind vergangen, seit meine Mutter hier Angst um mich hatte. Heute stehe ich an derselben Stelle den gleichen Sorgen. Während ich mit meiner Schneeschaufel weiterarbeite, sehe ich Kinder, die versuchen, ihre Schlitten über den schmalen Gehweg zu ziehen, zwischen Hauswand und parkenden Autos. Viel Platz bleibt ihnen nicht.


Warum es in einem verkehrsberuhigten Bereich eigentlich keine „Fahrbahn“ gibt

In einem verkehrsberuhigten Bereich (Zeichen 325.1 der Straßenverkehrsordnung) gibt es rechtlich keine getrennte Fahrbahn und keinen Gehweg. Die gesamte Straßenfläche ist gemeinsamer Verkehrsraum für alle Verkehrsteilnehmer. Fahrzeuge dürfen hier nur Schrittgeschwindigkeit fahren, Fußgänger dürfen die Straße in ihrer ganzen Breite nutzen. Parken ist ausschließlich auf den dafür gekennzeichneten Flächen erlaubt.

In der Praxis wird dieses Prinzip jedoch nicht immer deutlich wahrgenommen. In der Sutte und der Maternstraße wirkt die Gestaltung streckenweise wie in einer gewöhnlichen Straße: teilweise mit Bürgersteig, daneben Parkflächen und einer asphaltierten, teils durch eine Balustrade abgetrennten Straßenfläche. Für Autofahrer entsteht dadurch leicht der Eindruck einer normalen Fahrbahn, wenn die Beschilderung nicht bewusst wahrgenommen wird.

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Ihr findet alle bisherigen Beiträge zum Thema Verkehrswende, darunter den bisherigen Schriftwechsel mit dem Oberbürgermeister sowie den Verkehrsentwicklungsplan 2023, hier im Themenblock zusammengefasst.